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Schnecken sind schneller



Süddeutsche Zeitung Magazin, 14.7.95

 

Schnecken sind schneller

Es ist Zeit für ein allgemeines Tempolimit


 von
Harald Willenbrock
 
 
 


 

Schon mal verabredet gewesen? Mit jemandem, der eigentlich keine Zeit hat? Der nebenbei »ganz kurz« was anderes macht und dann ganz schnell wegmuss? Sie haben sich über diese Schwuppdiwupp-Verabredung geärgert? Eben.

Aber praktisch ist‘s -- und schnell. Dummerweise avanciert das Adjektiv »schnell« zunehmend zur Determinante allen Tuns. Fix? Gut! Arbeiten, Essen, Informieren, Unterhalten, Reisen, Erholen -- das darf nicht lange dauern. Autos, Flugzeuge, Bahnen, Sportler, Arbeiter, Aufträge, Karrieren, Informationen -- alle müssen fixer werden. Spezialisten treiben die Technik des Zeitsparens bis zur Perfektion, Controller schleichen durch Betriebe und nehmen Zeiten. Eilige funktionieren ihr ganzes Leben zum Dreikampf um: schneller, höher, weiter. Was nicht weiter tragisch wäre, wenn diese Fast-life-Leute für sich durchs Leben hasten würden. Aber erstens infizieren sie dabei alles Lebendige um sich herum mit Hektik, und zweitens tragen sie eine hartnäckige Lüge durch die Welt, die sich rasend fortpflanzt -- dass schneller auch effektiver, also qualitätsvoller, kurz: besser sei.

Das ist leider Unsinn. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Arbeitskräfte, die sich während der Arbeit abhetzen, die sich nie eine Auszeit genehmigen, machen mehr Fehler. Das ist nicht nur nachvollziehbar, sondern auch bewiesen: Eine McKinsey-Studie bescheinigt Teilzeitkräften eine bis zu zwanzig Prozent höhere Produktivität als Round-the-clock-Malochern. Die Vier-Tage-Woche wird VW daher nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch eine höhere Arbeitsqualität bescheren und Mitarbeiter, die ausgeruht statt ausgelaugt zum Job erscheinen (dafür gibt‘s auch schon einen Begriff: »slobbies« -- slow but better working people). In den USA sind findige Bosse längst dazu übergegangen, ihre Manager nach acht Stunden aus dem Büro und in die Freizeit zu scheuchen -- schließlich sollen sie auch am nächsten Tag wieder gute Arbeit leisten.

Und dann die Kosten: Menschen, die ihr Leben wie Hamster in Laufrädern begreifen, müssen in ihrer Freizeit wesentlich intensiver, und das heißt auch teurer, entspannen. Ein Wochenende komprimiertes Relaxen auf der Fitnessfarm, für eine Woche nach Puerto Rico -- und dann schnell weitergearbeitet.

Außerdem explodieren die gesellschaftlichen Ausgaben für den sanktionierten Stress. Dieses merkwürdige Verhalten erinnert an einen Marathonläufer, der beim Startschuss pfeilschnell loswetzt, um nach ein paar Minuten ausgepumpt festzustellen, dass er keine Ahnung hat, wo verdammt noch mal eigentlich das Ziel ist. Mein Vorschlag: Wer meint, sich pausenlos abhetzen zu müssen, und stolz auf seine Siebzig-Stunden-Wochen ist, soll die Reha nach dem Herzinfarkt gefälligst selbst bezahlen. Ganz zu schweigen von den ökologischen Schäden des Lebens im Expresstempo, die entstehen, wenn man täglich für ein Meeting nach Frankfurt oder eben schnell mal für eine Woche in die Karibik jettet. Dabei ist es ebenso einfach wie wahr: Der Wettlauf gegen die Zeit ist auf Dauer für niemanden zu gewinnen.

Nehmen wir meinen Freund Helmut. Er hat einen Computer, einen 386er, mit dem er völlig zufrieden war. Bis die 486er auf den Markt kamen, die ein paar Nanosekunden fixer sind. Also kaufen, keucht Helmut. Was ich damit an Zeit spare! Dabei übersieht er, dass er, um sich den 486er leisten und schneller sein zu können, erst mal eine ganze Stange Zeit arbeiten muss. Und dass es nicht lange dauern kann, bis die 586er...

Tempo hat also keinen Sinn, ist aber eine geniale Marketingstrategie. Wer es zum Beispiel schafft, Tausenden bis dato ganz normalen Menschen die fixe Idee zu injizieren, sie seien so wichtig, dass sie immer und schnell erreichbar sein müssten, kann innerhalb kürzester Zeit selbst so uncoole Geräte wie Telephon-Handys in beachtlichen Stückzahlen losschlagen. Darauf reingefallen sind wohl auch die Macher einer Berliner Zeitschrift, die seit ein paar Monaten auf dem Markt ist. Weil sie immer am Puls der Zeit sein sollten, bekam jedes Ressort ein Handy in die Hand gedrückt, auf dass man beim Mittagessen, am Wochenende, selbst auf dem Klo sofort erführe, was so vor sich geht in der Welt. Einleuchtende Idee. Nur: Irgendwie hat es nicht funktioniert. Die Redakteure sind ausgebrannt, die Zeitschrift wirkte altbacken und wurde kürzlich eingestellt.

Überhaupt, Zeitschriften: Eine ganze Generation neuer, zum Teil gut verkaufter Blätter funktioniert nach der Idee, der »eilige Leser« müsse mittels Graphiken, Kästen und Kurztexten beim schnellen Durchblättern informiert werden. »Themen abfackeln« nennt man so etwas. Nur leider lässt sich das Weltgeschehen nicht in Light-Artikeln komprimieren, und mit dem eiligen Lesen ist es wie mit einem Fast-food-Essen: Nachher hat man das unbestimmte Gefühl, irgendwas konsumiert zu haben. Geblieben ist nichts.

Dennoch triumphiert das Prinzip, unter anderem im Fernsehen: Filme werden heute so konzipiert, dass Spannungskurven konstant hoch hangeln, ins Programm zappende Zuschauer sofort reinkommen in die Handlung, Channel-Hopper am Film klebenbleiben wie Fliegen an einer fleischfressenden Pflanze. Mit tödlicher Geschwindigkeit wird jede stehende Sequenz vermieden, Action an Action gekoppelt bis zum Showdown.

Doch langsam dämmert’s selbst den Schnellen, dass Geschwindigkeit nicht alles ist. Eine ganze Reihe Leute versucht, sich vom rasenden Zeitzug abzukoppeln, weil man mit einer Wait-and-see-Haltung nebenbei eine ganze Menge erreicht: Sie ist nämlich nicht nur ökologischer und gesünder, sondern auch keinesfalls langweiliger. Der Hamburger Verleger Dirk Manthey (Max, Fit for Fun) zum Beispiel ist wohl auch deswegen einer der erfolgreichsten, weil er sich Jahr für Jahr drei Monate strikte Auszeit gönnt. Hardcore-Genießer organisieren sich im »Verein zur Verzögerung der Zeit«. Andere zelebrieren in Slow-food-Klubs die vergessene Kunst des Tafelns. Ihr Credo lautet »Internationale Bewegung für das Recht auf Genuss«, ihr Wappentier ist eine Schnecke.

Mittlerweile hat auch das Marketing die Langsamkeit entdeckt. Die Zigarettenmarke Gauloises präsentiert plötzlich auf Plakatwänden einen Stoppelbärtigen, der verkündet: »Heute mache ich mal nur, was ich will: nichts.« Die Autobauer von Opel, eigentlich von Berufs wegen Künder der Beschleunigung, werben sogar mit »Nicht schneller ankommen, sondern besser.«

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Dies ist kein Plädoyer für Trantüten. Jene Art von zäher Trägheit, die in vielen Behörden zelebriert wird, verdient keine Sympathie. Mein Herd kennt Tiefkühlkost zur Genüge, meditiert habe ich in letzter Zeit nur vor dem Steuerbescheid, und auch nach meiner Meinung hat der Spruch »Live fast, die young« -- lebe schnell, stirb jung -- in seiner Gnadenlosigkeit einiges für sich. Aber jeder, der in nächster Zeit noch irgendwas in der Richtung »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben« loslässt, kommt ohne Abendbrot ins Bett.

Nicht jedoch, ohne vorher hundertmal »Wer es eilig hat, mache einen Umweg« in sein Oktavheft gemalt zu haben. Das hat mal ein Chinese geschrieben. Will sagen: Wer ständig forciert, wer immer schnell ist, um bloß nichts zu verpassen, übersieht leicht das Kleingedruckte im Leben. Und weil’s  darum schade wär’, kriegt der Slow-motion-Lebensstil ja langsam vielleicht doch seine Chance.

Dann wird sich auch in der Redaktion der Bunten einiges ändern. Deren Chefredakteur F. J. Wagner soll noch vor gar nicht langer Zeit einer gemächlichen Mitarbeiterin »Mutter aller Schnecken« hinterhergerufen haben. Wer weiß, vielleicht ist das eines Tages ein Kompliment.


 

© Krefelder Studio für Alexander-Technik - Letzte Aktualisierung 11.06.2017