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Fehlkonstruktion



Rafik Schami

"Fehlkonstruktion"



 
 
 

Tante Rosa rief an, und sie ging wie immer strategisch vor: Erst erledigte sie die Familie, dann das gesamte christliche Viertel in Damaskus, danach Syrien als Ganzes. Im nächsten Schritt vernichtete sie Arabien mit ein paar kurzen, bitteren Worten, zuletzt war der Kontinent dran. »Wozu Asien?« fragte sie mich, erwartete aber keine Antwort.

Jetzt waren die anderen Kontinente dran. Die einen griff Tante Rosa wegen ihrer unmenschlichen Kolonialherrschaft an, die anderen wegen ihrer Dummheit, sich kolonialisieren zu lassen. Schließlich überzog sie die ganze Erde mit ihrer Kritik und griff sogleich auch die himmlische Ordnung an.

»Wenn ich da oben dem Herrn mal begegne, werde ich ihm meine Meinung sagen, dass der Mensch eine Fehlkonstruktion ist. Er hätte uns entweder etwas weniger Verstand und Erfindungsgeist mitgeben sollen, oder aber einen deutlich besseren Körper, der Geschwindigkeiten von zweihundertfünfzig Stundenkilometern locker verträgt und im Fall eines Aufpralls ohne Probleme zusammenbleibt oder zumindest durch Nachwachsen der zerstörten Organe wieder in Ordnung kommt. Wie Gott das eingerichtet hat, das ist keine Qualität. Und überhaupt, was sind denn das für Organe?

Die Augen zum Beispiel - eine schwachsinnige Erfindung! Natürlich würde ich das dem alten Herrn etwas höflicher sagen. Er ist, wie man hört, ja mimosenhaft bei Kritik. Aber bitte, ich meine: Die Augen erliegen jeder Verführung und lullen das Hirn ständig ein. Die Ohren sind, wenn auch ein bisschen skeptischer als die charakterlosen Augen, gegen viele Töne zu wenig immun. Und die Zunge? Mein Gott, die Zunge - zum Wegschmeißen! Ein unterwürfiges Organ ohne jegliches Rückgrat. Ich füttere sie, und sie sagt, was ich will!«
 

aus: Loblied und andere Olivenkerne

 

© Krefelder Studio für Alexander-Technik - Letzte Aktualisierung 11.06.2017