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Pikler-Institut



Aus: Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, Oberursel
Ausgabe Nr. 20/2002

Elisabeth C. Gründler

Erziehung zum aufrechten Gang

Respekt für Kinder - von Anfang an. Dies forderte die Ärztin Emmi Pikler. 
Ein Besuch in ihrem Kinderheim in Budapest


  

"Dina", sagt die Kinderpflegerin und hält den winzigen Bettschuh hoch, "hier ist dein Schuh! Den möchte ich dir jetzt anziehen!" Der etwa zehn Wochen alte Säugling auf dem Wickeltisch strampelt vor Vergnügen. Dann streckt Dina ihrer Betreuerin den Fuß hin und lässt sich den Bettschuh überstreifen. Beide freuen sich über das gelungene Zusammenspiel. Dina wurde von ihrer minderjährigen Mutter nach der Geburt verlassen; seit sie drei Wochen alt ist, lebt sie im "Emmi-Pikler-Institut" in Budapest. Das Heim für Säuglinge und Kleinkinder wurde 1946 von der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler (1902-1984) für die Kinder tuberkulosekranker Mütter gegründet.

Heute leben hier fast ausschließlich Sozialwaisen. Die Kinder bleiben in der Regel ein bis zwei Jahre, bis über ihre Zukunft - Adoption, Pflegefamilie oder die Rückkehr in die eigene Familie - entschieden worden ist. Das Haus hat 40 Plätze, etwa 60 Mitarbeiterinnen arbeiten in Pflege, Versorgung, Verwaltung und Forschung. Besucher des international renommierten Emmi-Pikler-Institutes, das hier zu Lande auch als "Lódczy" bekannt wurde, sind immer wieder erstaunt, wie entspannt und zufrieden die Kinder wirken, die fast alle einen denkbar schwierigen Start ins Leben hatten.

Emmi Pikler ging davon aus, dass Erziehung bereits bei der Säuglingspflege beginnt, schließlich macht der neugeborene Mensch seine wichtigsten sozialen Erfahrungen, während er gefüttert, gewickelt oder an- und ausgezogen wird. Daher widmete die Kinderärztin und mehrfache Mutter der Qualität des Umgangs mit dem Säugling große Aufmerksamkeit. Wenn die Hände, die der winzige Mensch spürt, "behutsam, tastend, empfindsam und feinfühlig sind", so Pikler, dann entspannt sich das Kind, fühlt sich aufgehoben und angenommen. Die Ärztin schulte die Kinderpflegerinnen in diesem Sinne. Bis heute wird auf diese Weise am Emmi-Pikler-Institut gearbeitet.

"Liebe kann man nicht verlangen", sagt Kinderpsychologin Anna Tardos, die heutige Institutsdirektorin, "doch es ist möglich, Kindern die Erfahrung zu vermitteln, angenommen und geborgen zu sein." Dies geschieht durch den genau durchdachten Ablauf der Pflege. Der Arbeitsplatz der Kinderpflegerinnen ist so eingerichtet, dass sie ihre volle Aufmerksamkeit der Kommunikation mit dem Kind widmen können. Jede Eile wird vermieden. Das Kind erlebt sich mehrmals am Tag als Mittelpunkt der Welt, wenn es gefüttert, gewickelt oder gebadet wird. Die Pflegerinnen sprechen mit dem Kind, sagen, was sie tun, und zeigen ihm jeden Gegenstand, den sie verwenden. So hat das Kind die Möglichkeit, zu kooperieren und selbst aktiv zu werden. Es muss nicht um Aufmerksamkeit kämpfen. In einem fest umrissenen Rahmen ist ihm diese sicher. Raum und Zeit sind klar strukturiert. Durch das stets gleich bleibende Szenario von Füttern, Wickeln und Baden erfahren die Kinder ein hohes Maß an Konstanz und liebevoller Berührung.

Gegenpol ist das freie Spiel, zu dem die Kinder zu jeder Tageszeit Gelegenheit haben, wenn sie nicht schlafen oder essen. Denn schon sehr junge Kinder können sich selbstständig beschäftigen, hatte Pikler erkannt - sofern ihr Bedürfnis nach Zuwendung gesättigt ist durch die achtsame Pflege. In einem durch ein Spielgitter abgetrennten Raum können sich die Kinder daher frei bewegen, spielen und experimentieren. Das freie Spiel ist genetisch in jedem Menschen angelegt; jedes Kind, das wach und satt ist und sich geborgen weiß, wendet sich neugierig seiner Umgebung zu. Im Emmi-Pikler-Institut wird deshalb dafür gesorgt, dass immer genügend interessante Gegenstände erkundet werden können, wie Bälle, Tücher, Schachteln oder auch blanke Schüsseln, in denen die Kinder sich spiegeln können.

Schon Anfang der dreißiger Jahre hatte Emmi Pikler entdeckt, dass jedes gesunde Kind jegliche Bewegungen von alleine herausfindet, entwickelt, trainiert und aufbaut - vorausgesetzt, die Umgebung ist so eingerichtet, dass sie seine selbstständige Aktivität unterstützt. Drehen auf den Bauch, Aufrichten, Sitzen, Kriechen, Krabbeln, Stehen und schließlich Gehen: Alle Bewegungsarten entdeckt ein gesunder Säugling von allein. Anleitung und Hilfestellung sind dabei nicht nur überflüssig, sondern häufig sogar störend. Was das Kind braucht, sind Sicherheit und Geborgenheit in der Beziehung zu seinen Eltern oder Betreuerinnen.

Zum Beispiel Gabor: Der acht Monate alte Junge krabbelt durch den Raum und findet als Spielzeug eine Plastikscheibe. Er hält inne, um sie zu untersuchen, wirft sie Scheibe mit einer Drehbewegung vor sich hin. Fasziniert beobachtet er, wie sie trudelt. Dann ergreift er sie von neuem und wiederholt das Spiel - etwa ein Dutzend Mal. Schließlich verliert er das Interesse und wendet sich einem anderen Gegenstand zu. Gabor ist im Spielbereich für sich. Er kann in Ruhe die Welt erforschen und seine Bewegungen ausprobieren. Doch er ist nicht verlassen. Das Kind spürt die Anwesenheit seiner Pflegerin und kann mit Stimme und Blicken jederzeit mit ihr Kontakt aufnehmen.

Bewegungen und Tätigkeiten, die Kinder aus eigenem Antrieb entwickeln, haben eine andere Qualität als solche, zu denen sie angeleitet wurden. Im Emmi-Pikler-Institut wurden hunderte von Entwicklungsverläufen dokumentiert. Ergebnis: Die Kinder entwickeln sich in sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit. Doch im Rückblick ist es unerheblich, ob ein Kind mit 15 oder 24 Monaten Laufen gelernt hat. "Lasst mir Zeit" ist denn auch der Titel des Hauptwerkes von Emmi Pikler, in dem sie beschreibt, dass es zwischen Sitzen und Stehen zahlreiche Zwischenstufen gibt. Jedes Kind übt eine neue Bewegung erst dann, wenn es sich in der vorherigen Stufe absolut sicher fühlt. Kinder, die sich alle Bewegungsarten selbst erarbeitet haben, sind in fast jeder Position in der Lage, ihr Gleichgewicht finden. Die Sicherheit, mit der sich diese Kinder bewegen, mit der sie laufen und klettern, ist für Besucher mitunter atemberaubend.

Bereits vor dreißig Jahren fiel das Emmi-Pikler-Institut in einer wissenschaftlichen Langzeituntersuchung auf: Die Kinder, die ihre Säuglings- und Kleinkindzeit hier verbracht hatten, gründeten in der Mehrzahl selbst Familien und wurden sozial integrierte Bürger. Keine typischen Heimkarrieren also. Kontrolluntersuchungen bestätigten diese Ergebnisse: Das Emmi-Pikler-Institut zeigt, dass es möglich ist, den Zirkel der Gewalt zu unterbrechen. Hospitalismus ist also keine zwangsläufige Begleiterscheinung von institutioneller Erziehung - eine gute Nachricht auch für berufstätige Mütter.

Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisse für junge Eltern heute? Die Praxis des Budapester Institutes liegt quer zu herrschenden Kultur, die das möglichst frühzeitige systematische Fördern von Kleinkindern zur Norm erhebt. Wer je den aufrechten Gang und die motorische Sicherheit eines Kindes erlebt hat, das seine Bewegungen aus eigener Anstrengung und im eigenen Rhythmus entwickeln konnte, wird sich fragen, ob es nicht gerade diese Selbstsicherheit ist, die Kinder heute brauchen - für eine Zukunft, die alles andere als sicher ist.

 
 
 

In Deutschland und Österreich gibt es einige Angebote für junge Eltern, die "SpielRäume für Bewegung". Näheres unter www.ial-lernen.de. 

Buchtipps: 

Emmi Pikler, Lasst mir Zeit, Pflaum-Verlag, München 1997.

Emmi Pikler, Friedliche Babys, zufriedene Mütter, Herder Verlag. 

Anna Tardos u. a., Miteinander vertraut werden. Freiamt 1994, gekürzte Taschenbuchausgabe bei Herder. 

Chantal de Truchis, Wie Ihr Baby Vertrauen gewinnt - zu sich selbst und in die Welt, Herder-Verlag, Freiburg 1997

 



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