zur Startseite

 

 

Kreuz mit Kreuzschmerz



FAZ, 24.1.2001

Das Kreuz mit dem Kreuzschmerz

Rückenschmerzen oft falsch behandelt
Bewegung besser als Schonung

von Martina Lenzen-Schulte


 
 
 

Gegenüber 1980 werden Rückenschmerzen jetzt fünfmal häufiger diagnostiziert. In Deutschland leiden rund 30 Prozent der Bevölkerung an Rückenschmerzen. Sie sind die häufigste Ursache von Arbeitsunfähigkeit. Die Kosten für die Behandlung und Krankengeld belaufen sich auf mehr als 30 Milliarden Mark im Jahr. Dennoch erfolgt die Behandlung oft nach veralteten und nachweislich falschen Konzepten.

Das ist das ernüchternde Fazit der Fachtagung "Volkskrankheit Rückenschmerz", die kürzlich in der Orthopädischen Universitätsklinik in Mainz stattfand. Neuere Erkenntnisse zwingen eigentlich zu einer völlig anderen Sichtweise des Rückenschmerzes, wie Peer Eysel, Oberarzt der Klinik und Initiator der Tagung, hervorhob. Die falschen Vorstellungen erweisen sich indes als ebenso zählebig und unangreifbar wie Dogmen.

Nicht auszurotten ist beispielsweise die Vorstellung, Sitzen sei schädlich für die Wirbelsäule. Das Sitzen belastet die Bandscheiben aber keineswegs, wie oft zu hören ist, stärker als das Stehen.

Auch die vermeintlich gesündere aufrechte Sitzhaltung im Hohlkreuz wurde offenbar zu sehr idealisiert. Untersuchungen aus der Abteilung für Physiotherapie der Mainzer Orthopädie haben ergeben, dass die meisten Menschen dabei die Rückenmuskeln sogar verstärkt anspannen, was Rückenschmerzen eher begünstigt.

Ebenso falsch wie verbreitet ist die Vorstellung, bei plötzlich auftretendem Kreuzschmerz, dem Hexenschuss, benötige der Patient Bettruhe. Inzwischen ist hinlänglich nachgewiesen, dass es jenen Patienten, die im Bett bleiben, meist schlechter geht. Wer sich schont, ist sogar länger krank als derjenige, der seinen alltäglichen Verrichtungen nachgeht, soweit es ihm möglich ist.

Zu den wichtigsten Aufgaben des Arztes gehört es deshalb, die wenigen bedrohlichen Fälle zu erkennen, bei denen - etwa durch eine Infektion, einen Tumor oder eine Nerveneinklemmung - Gefahr droht.

Rund 85 Prozent der Patienten mit plötzlich auftretenden Rückenschmerzen sind innerhalb weniger Wochen wieder beschwerdefrei - unabhängig von der angewandten Behandlung.

Diese hohe spontane Heilungsrate halten sich indes all jene zugute, die an der Behandlung von Rückenschmerzen beteiligt sind. Deshalb fallen, wie Bernhard Kügelgen in Mainz klagte, die Mängel der derzeit angebotenen konservativen Behandlungsformen nicht auf. Sie sind hinsichtlich ihrer Wirksamkeit nicht ausreichend überprüft.

Zudem bestimmt nicht der medizinische Befund die Behandlung. Diese hängt vielmehr davon ab, welche Methode gerade verfügbar ist und wie sie honoriert wird.

Die weitverbreitete satte Selbstzufriedenheit vieler Therapeuten hat seiner Ansicht nach keinerlei Berechtigung. Ärzte und Physiotherapeuten leisteten eher einer Chronifizierung des Leidens Vorschub.

Zu den häufigsten Fehlern zählt Kügelgen die Praxis, den Patienten ein falsches Verständnis ihrer Erkrankung zu vermitteln.

Noch immer würde zur Erklärung das Bild vom "Verschleiß" der Wirbelsäule bemüht, das indes längst als widerlegt gelten darf. Dies hat ebenso fatale Folgen wie der Versuch, die Kranken mit Injektionen und Medikamenten auf Dauer von ihren Schmerzen zu befreien.

Tatsächlich kommt es darauf an, die Fähigkeit des Patienten zu stärken, sein Rückenleiden selbst zu bewältigen, und - wo möglich - gar nicht erst zu verursachen. Da die Krankschreibungen aufgrund von Rückenschmerzen während der Urlaubsmonate Juli und August um etwa 20 Prozent zurückgehen, verfügen offenbar mehr Patienten über die notwendige Kompetenz im Umgang mit der Erkrankung, als vielfach vermutet.

Ein weiterer Fehler liegt in der Überschätzung von Röntgenbildern, Computertomogrammen und Kernspinaufnahmen. Befund und Befinden stimmen nur selten überein. Bei einem Drittel der Patienten zeigen die Bilder bei völliger Beschwerdefreiheit Veränderungen auf.

Ein Umdenken ist nicht nur beim plötzlich auftretenden Rückenschmerz, sondern auch bei chronischen Rückenschmerzen unerlässlich. Die Bundesarbeitsgemeinschaft "Chronische Kreuzschmerzen" hat für die Behandlung je nach Schweregrad unterschiedliche Programme entwickelt.

Auch auf diesem Gebiet werden gravierende Fehler gemacht. Dazu zählt beispielsweise die ständige krankengymnastische Behandlung. Wie Eysel in Mainz erläuterte, lässt sich nachweisen, dass ohne Behandlung doppelt so viele chronisch Rückenkranke wieder die Arbeit aufnehmen als unter ständiger krankengymnastischer Therapie.

Mit bemerkenswerter Konsequenz wurden in Mainz nicht nur konservative Therapien, sondern auch chirurgische Eingriffe bewertet. So ist die Wirksamkeit der minimal invasiven Verfahrensweisen beim Bandscheibenvorfall offenbar nicht über alle Zweifel erhaben. Herkömmliche Operationsverfahren haben sich einer neueren Analyse zufolge jedenfalls als weitaus erfolgreicher erwiesen.

Überdies sollte man es als Patient keineswegs mehr als gegeben hinnehmen, dass jeder Bandscheibenvorfall operiert werden muss.

Betrachtet man nämlich, wie viele Patienten nach der Operation immer noch oder sogar heftigere Beschwerden haben, so sind Zweifel an den vielen Operationen mehr als berechtigt.

Nach einem Jahr sind die Ergebnisse der Operation im Vergleich zur konservativen Behandlung zwar etwas günstiger. Nach fünf oder zehn Jahren lässt sich indes kein Unterschied mehr beobachten. Wie Eysel in Mainz hervorhob, geht es jetzt darum, jene Kranken zu erkennen, denen eine Bandscheibenoperation mehr schadet als nutzt.

Eine umfangreiche Literaturrecherche lässt Eysel vermuten, dass auch die Wissenschaft von der "Volkskrankheit Rückenschmerz" lange Jahre profitiert hat. Seit 1969 sind rund 3000 Veröffentlichungen zu diesem Thema erschienen.

Die wissenschaftliche Qualität der meisten Arbeiten ist jedoch enttäuschend. Nur wenige halten strengen Kriterien stand. Daher ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass sich viele falsche Vorstellungen so lange halten konnten.



© Krefelder Studio für Alexander-Technik - Letzte Aktualisierung 11.06.2017