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Bedienungsanleitung




Leseprobe aus:


Gerald Hüther

Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn


Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001
S. 7-19, 26f.

 
 
 

(S. 7ff)
Vorbemerkungen und Gefahrenhinweis



Sicher fahren Sie ein Auto. Und Ihre Wäsche waschen Sie in einer Waschmaschine. Sie telefonieren mit einem Handy, surfen im Internet herum, produzieren Ihre eigenen Urlaubsvideos, sehen fern und hören auf Platten gepresste Musik. Ich weiß nicht, was für nützliche oder unnütze Apparate Sie sich sonst noch im Lauf Ihres Lebens angeschafft haben, aber eines weiß ich ganz gewiss: je komplizierter und je teurer diese Geräte waren, desto intensiver haben Sie die mitgelieferten Anweisungen studiert, in denen beschrieben ist, worauf es bei ihrer Bedienung ankommt und worauf man achten sollte, wenn man daran möglichst lange seine Freude haben will.

Ein Gehirn besitzen Sie auch. Und das benutzen Sie häufiger, als Sie denken -- jedenfalls viel häufiger als all diese Apparate und Maschinen --, um sich im Leben zurechtzufinden und um sich wenigstens hin und wieder eine kleine Freude zu verschaffen. Aber in eine Bedienungsanleitung für Ihr Hirn haben Sie bisher noch nie hineingeschaut. Weshalb eigentlich nicht?

Waren Sie der Meinung, dass Ihr Gehirn schon von allein so funktioniert, wie es funktionieren soll? 

Dann war das leider ein Irrtum. 

Es funktioniert so, wie es mit Hilfe der darin angelegten Verschaltungen funktionieren kann. Und welche Verschaltungen darin angelegt sind und zur Lösung von Problemen eingesetzt werden können, hängt ganz wesentlich davon ab, wie und wozu Sie Ihr Hirn bisher benutzt haben. 

Oder sind Sie bisher davon ausgegangen, dass man sich um etwas, das man nicht für teures Geld erworben hat, sondern einfach schon immer besitzt, nicht weiter zu kümmern braucht. 

Auch das war ein Irrtum. 

Alles, was man nur einmal geschenkt bekommt, und was nicht tot ist, sondern weiterlebt und sich weiterentwickelt, bedarf -- so wie jedes Kind, wie jede Beziehung zu einem anderen Menschen, ja auch wie Ihr Hund oder Ihr Gemüsegarten -- ganz besonderer Beachtung und sorgfältiger Pflege. Das gilt auch für Ihr Gehirn.


Vielleicht haben Sie auch gehofft, ein allmächtiger Schöpfer oder die allmächtigen Gene hätten Ihr Gehirn so geschaffen beziehungsweise zusammengebaut, damit Sie sich damit für alle Zeit optimal in dieser Welt zurechtfinden und dass es deshalb an diesem Gehirn nichts mehr zu verändern gibt. 

Es ist zwar eine angenehme Vorstellung, dass entweder Er oder sie, aber eben nicht Sie selbst verantwortlich dafür zu machen sind, was aus Ihrem Hirn wird, aber diese Annahme war leider auch ein Irrtum. 

Zwar besitzt jeder Mensch ein besonderes, nur ihm eigenes Gehirn, das von Anfang an mit ganz bestimmten Schwächen und mit ganz bestimmten Begabungen ausgestattet ist. Was aber im Lauf des Lebens aus diesen Anlagen wird, ob bestimmte Schwächen ausgeglichen oder noch weiter verstärkt und ob bestimmte Begabungen entfaltet oder aber unterdrückt werden, hängt davon ab, wie und wofür man sein Gehirn benutzt.


Das alles klingt zwar sehr unbequem, ist aber auf keinen Fall dadurch zu ändern, dass man den Kopf in den Sand steckt. Irgendwann werden Sie ihn wieder aufrichten müssen, und dann bleibt es Ihnen nicht erspart festzustellen, dass es sich bei all diesen ausgedachten Begründungen nicht um wirkliche Gründe, sondern um nackte Ausflüchte handelt. 


....


Seit vielen Jahren arbeite ich schon als Hirnforscher und versuche wie viele andere auf diesem Gebiet tätige Wissenschaftler herauszufinden, wie unser Gehirn eigentlich funktioniert. Wie all diese Forscher habe auch ich die Gehirne von Versuchstieren, so gut das ging, in immer kleinere Einzelteile zerlegt und gemessen, was sich daran messen ließ. Ich habe die verschiedenen Zelltypen des Gehirns in Kulturschalen gezüchtet und beobachtet, was aus ihnen wurde und zu welchen Leistungen sie imstande waren. Und wie so viele andere Hirnforscher habe ich auch Versuche mit Tieren -- meist waren das Laborratten -- durchgeführt, um die Auswirkungen bestimmter Behandlungen oder Eingriffe auf deren Gehirne zu untersuchen.


Noch immer finde ich es spannend, was es in so einem Gehirn alles zu zerlegen, zu messen und zu untersuchen gibt. Aber ich glaube inzwischen nicht mehr daran, dass es uns auf diese Weise jemals gelingt zu verstehen, wie ein Gehirn, gar ein menschliches Gehirn, funktioniert. Im Gegenteil: Diese Art von Forschung verleitet uns dazu, immer gerade das, was wir besonders gut zerlegen, messen und untersuchen können, als besonders wichtig für die Funktionsweise des Gehirns zu erachten. 


Und weil die Forscher das, was ihnen besonders wichtig erscheint, auch besonders gern weitergeben und weil die Medien solche Neuigkeiten besonders gern verbreiten, glauben über kurz oder lang immer mehr Menschen, dass Glück durch eine verstärkte Endorphinausschüttung, Harmonie durch viel Serotonin und Liebe durch bestimmte Peptide im Hirn entsteht, dass die Amygdala für die Angst, der Hippokampus für das Lernen und die Großhirnrinde für das Denken verantwortlich sind. 

All das dürfen Sie, falls Sie jemals davon gehört haben, getrost vergessen. Nicht anders verhält es sich mit all jenen Meldungen, die bestimmte genetische Anlagen für das verantwortlich machen wollen, was in Ihrem Hirn geschieht. Es gibt keine Faulheitsgene, Intelligenzgene, Melancholiegene, Suchtgene oder Egoismusgene. 

Was es gibt, sind unterschiedliche Anlagen, charakteristische Prädispositionen (Veranlagungen) und spezifische Vulnerabilitäten (Anfälligkeiten). Was aber letztendlich daraus wird, hängt von den jeweils vorgefundenen Entwicklungsbedingungen ab.

Sehr hinderlich für das Verständnis dessen, was in unserem Hirn geschieht, ist jedoch nicht nur die Überbewertung bestimmter, mit den Siebenmeilenstiefeln modernster Techniken erzielter Teilerkenntnisse, sondern auch das notorische Herumschleppen alter und längst zu eng gewordener Schuhe. 

Früher einmal entwickelte und aus gewissen Gründen während eines bestimmten Zeitraums als besonders zutreffend bewertete Vorstellungen werden anschließend oftmals wie ein Dogma vertreten und verbreitet. Meist von einer besonders geachteten und bewunderten Autorität in die Welt gesetzt, halten sich diese Ideen bisweilen jahrzehntelang. 

Wenn solche Modelle die Realitäten zutreffend beschreiben, ist dagegen nichts einzuwenden. Da das aber nur sehr selten der Fall ist, werden die meisten Theorien mit der Zeit zu einem immer schwerer zu tragenden Hemmschuh, der vor allem ganz vorn ganz furchtbar drückt.

Auch ich bin, wie viele andere Hirnforscher, lange mit solchen alten Schuhen herumgelaufen. Am längsten und am stärksten gedrückt hat mich dabei das Dogma von der Unveränderlichkeit. der einmal im Gehirn entstandenen Verschaltungen. Es stammt von einem Pionier der Hirnforschung, Raymond y Cajal. Er hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit neuen Färbetechniken herausgefunden, dass das Gehirn kein diffuser Brei (ein sogenanntes Synzytium) ist, sondern aus einer Unmenge von Nervenzellen besteht, die mit ihren vielfach verzweigten Fortsätzen miteinander in Kontakt stehen. Er konnte an seinen gefärbten Hirnschnitten zeigen, dass dieses ganze Gestrüpp von Fortsätzen während der Hirnentwicklung immer dichter wird und dass es sich später, im Alter, wieder mehr oder weniger stark aufzulichten beginnt

Diese Vorstellung wurde von den späteren Hirnforschern übernommen und bestimmte fast ein Jahrhundert lang das Denken der meisten Neurobiologen, Psychologen und Psychiater und hat sich in weiten Kreisen der Bevölkerung als Grundüberzeugung verfestigt.

Inzwischen hat sich herausgestellt, dass das Gehirn auch im Erwachsenenalter noch in hohem Maß strukturell formbar ist. Zwar können sich Nervenzellen nach der Geburt nicht mehr teilen (bis auf wenige Ausnahmen), sie sind jedoch zeitlebens in der Lage, ihre komplexen Verschaltungen an neue Nutzungsbedingungen anzupassen.

Der beim Menschen wichtigste und für die Nutzung der im Gehirn angelegten neuronalen Netzwerke und Nervenzellverschaltungen am nachhaltigsten wirksame Einfluss ist besonders schlecht zu messen. Er lässt sich am zutreffendsten mit dem Begriff Erfahrung umschreiben. 

Gemeint ist damit das im Gedächtnis eines Individuums verankerte Wissen über die in seinem bisherigen Leben entweder besonders erfolgreich oder besonders erfolglos eingesetzten, in dieser Weise immer wieder bestätigt gefundenen und deshalb auch für die Lösung zukünftiger Probleme als entweder besonders geeignet oder eben ungeeignet bewerteter Strategien des Denkens und Handelns. 

Solche Erfahrungen sind immer das Resultat der subjektiven Bewertung der eigenen Reaktionen auf wahrgenommene und als bedeutend eingeschätzte Veränderungen der Außenwelt. 

*  *  *  *  *

(S. 14ff)
Jede Wissenschaftsdisziplin durchläuft während ihrer Entwicklung bestimmte Phasen. In jeder dieser Phasen gelangt sie zu einer gewissen Erkenntnis der Phänomene, die sie untersucht. Sie baut auf der Grundlage ihres bis dahin erlangten Verständnisses und des bis dahin akkumulierten Wissens ein bestimmtes Gedanken-(Theorie-)Gebäude auf. 

Dieses Gebäude ist zunächst noch mehr oder weniger wackelig. Es wird deshalb durch gezielte Suche nach festen Bausteinen stabilisiert, durch verschiedene organisatorische Maßnahmen gefestigt und so gut wie möglich vor destabilisierenden Einflüssen störender Ideen und Vorstellungen geschützt. Was sich so allerdings nie ganz verhindern lässt, ist weiteres Wissen, das zwangsläufig dazukommt, wenn weiter an bestimmten Fragen gearbeitet, über Zusammenhänge nachgedacht und nach Lösungen gesucht wird. 

Dieses neue Wissen muss irgendwie in das alte Denkgebäude eingebaut werden, und solange das gelingt, ist alles gut und das Gebäude bleibt noch eine Zeitlang stehen, wenngleich es allmählich immer eklektizistischere Gestalt in Form von Anbauten, Giebeln, Türmchen, Nebengelassen und Abstellräumen annimmt. Irgendwann jedoch wird das ganze Gebäude so schwer begeh-(begreif-)bar und passt nur noch so schlecht in die Landschaft, dass ein drastischer Umbau oder sogar eine Neukonstruktion des ganzen bisher aufgetürmten Theoriegebäudes unvermeidbar wird. 

Das sind Umbruchphasen, und in diesen Phasen wird ein altes, bisher für allein seligmachend gehaltenes Paradigma durch ein neues ersetzt, das die Möglichkeit bietet, das bisherige Wissen noch immer als gültiges Wissen zu nutzen, es aber in ein neues Gedankengebäude einzuordnen, das auch dem neuen Wissen Raum bietet, weil es übergreifender, umfassender, einfach weiter ist als das alte. Diese Umbruchphasen sind die spannendsten Phasen in der Entwicklung einer Wissenschaftsdisziplin, weniger für diejenigen, die es sich im alten Haus gerade so recht bequem gemacht hatten, sondern eher für all jene, denen das alte Haus zu eng, zu muffig und zu unübersichtlich geworden ist.


Die klassischen Naturwissenschaften (Astronomie, Mathematik, Physik und Chemie) haben derartige Paradigmenwechsel bereits hinter sich. Sie sind alle durch eine Phase gegangen, in der sie zunächst die beobachtbaren Phänomene gesammelt, beschrieben und sortiert haben. Dann wurden die Dinge in alle Einzelteile zerlegt, und wo das ging, wurden die Eigenschaften dieser Teile so genau wie möglich untersucht. Nachdem man lange genug vergeblich versucht hatte, das Ganze aus der immer genaueren Kenntnis seiner Teile zu verstehen, war irgendwann eine Stufe erreicht, auf der einzelne begannen, nun auch gezielt nach den unsichtbaren Kräften und Dimensionen zu suchen, die hinter den objektiv beobachtbaren und messbaren Phänomenen verborgen waren. 

Namen wie Kopernikus, Kepler, Schrödinger, Einstein, Bohr, Heisenberg und Planck markieren diese Wendepunkte unseres Weltverständnisses auf der Ebene der klassischen Naturwissenschaften. Da es jedoch den meisten Menschen völlig egal ist, dass die Newtonschen Gesetze nur dort gelten, wo es nicht zu groß und nicht zu klein ist, dass es gekrümmte Räume gibt, dass die Zeit nur relativ ist und Wellen und Teilchen ineinander übergehen können, haben sich diese neuen Betrachtungsweisen nicht allzu sehr auf unser Leben und unser Selbstverständnis ausgewirkt.


Anders verhält es sich jedoch mit der Biologie, der Wissenschaft vom Leben, oder gar mit der Hirnforschung, bei der sich jetzt ebenfalls eine solche Wende abzuzeichnen beginnt. Nun ist die Biologie noch eine relativ junge naturwissenschaftliche Disziplin, und ihr Gegenstand, das Leben in all seinen vielfältigen Formen, ist so komplex, dass die Biologen in vielen Gebieten noch immer beim Sammeln, Beschreiben und Sortieren sind. In manchen Bereichen sind sie bereits zum Zerlegen übergegangen und haben begonnen, die Eigenschaften der einzelnen, Teile so genau wie möglich zu erfassen. Sie sind dabei bis auf die Ebene einzelner Moleküle vorgedrungen, haben den genetischen Code entschlüsselt und eine Unmenge von Signalen, Signalstoffen und deren Rezeptoren entdeckt, mit deren Hilfe Informationen innerhalb von Zellen, zwischen Zellen und Organen und schließlich auch zwischen Organismen ausgetauscht werden. Sie können zum Teil schon genau beschreiben, wie sich bestimmte Lebensformen im Lauf der Stammesgeschichte entwickelt haben, wie die dafür erforderliche Information an die Nachkommen weitergegeben und wie sie zur Herausformung bestimmter körperlicher Merkmale während der Entwicklung des einzelnen Individuums genutzt wird.


All das sind wichtige Erkenntnisse, die ganz wesentlich dazu beigetragen haben, dass wir heute so gut wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte verstehen, wie wenig sich menschliche Zellen von den Zellen anderer Lebewesen, sich menschliche Organe von den Organen anderer Säugetiere, wie wenig sich menschliche Verhaltensweisen von den Verhaltensweisen unserer tierischen Verwandten unterscheiden. "Nackte Affen" hat uns Desmond Morris* deshalb genannt und uns damit noch einmal drastisch vor Augen geführt, worauf uns schon Darwin hingewiesen hatte und was wir nur so ungern wahrhaben wollen: dass wir nur ein Teil -- in mancher Hinsicht sogar nur ein recht dürftig ausgestatteter Teil -- der Natur sind, kein allmächtiges Geschöpf, und erst recht nicht Mittelpunkt der Welt, sondern, wie alle anderen, eingebettet in die Natur, von ihr abhängig und mit ihr verwachsen.

Morris, Desmond (1970): Der nackte Affe. Neuaufl. München, 1992.


Und das ist eben das Besondere, wodurch sich die Erkenntnisse der Biologen oder gar der Hirnforscher von den Erkenntnissen der klassischen Naturwissenschaftler unterscheiden: Sie liefern uns nicht nur, so wie alle anderen Naturwissenschaften auch, immer neues, praktisches, nutzbares Wissen, um die Welt zu erkennen und sie nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Sie fördern dabei zwangsläufig auch immer mehr Wissen über uns selbst zutage, Wissen, das uns hilft, uns in uns selbst zurechtzufinden, uns selbst und unsere Stellung, auch unsere Rolle in der Natur zu erkennen.


Wie so viele Biologen und Hirnforscher habe auch ich mich lange in dem von den klassischen Naturwissenschaften übernommenen Denkgebäude bewegt. Dort war nur eine Frage erlaubt: Wie ist das Gehirn aufgebaut und wie funktioniert es?


Wenn nun aber die Struktur und damit auch die Funktion unseres Gehirns ganz entscheidend davon abhängt, wie und wozu wir es benutzen und bisher benutzt haben, lautet dann nicht die entscheidende Frage, wie und wozu wir es benutzen sollten, damit die in unserem Gehirn angelegten Möglichkeiten auch wirklich in vollem Umfang entfaltet werden können? In dieser Bedienungsanweisung für ein menschliches Gehirn mache ich den Versuch, diese Frage zu beantworten. Ich stütze mich dabei auf Erkenntnisse aus dem Bereich der Hirnforschung, die erst in den letzten Jahren gewonnen wurden und die ganz entscheidend dazu beigetragen haben, dass sich heute besser als je zuvor abschätzen lässt, worauf es bei der Nutzung unseres Gehirns ankommt.


Jahrzehntelang war man davon ausgegangen, dass die während der Hirnentwicklung ausgebildeten neuronalen Verschaltungen und synaptischen Verbindungen unveränderlich seien. Heute weiß man, dass das Gehirn zeitlebens zur adaptiven Modifikation und Reorganisation seiner einmal angelegten Verschaltungen befähigt ist und dass die Herausbildung und Festigung dieser Verschaltungen ganz entscheidend davon abhängt, wie und wofür wir unser Gehirn benutzen.


Vor einigen Jahren konnte sich noch kein Hirnforscher vorstellen, dass das, was wir erleben, in der Lage wäre, die Struktur des Gehirns in irgendeiner Weise zu verändern. Heute sind die meisten von ihnen davon überzeugt, dass die im Lauf des Lebens gemachten Erfahrungen strukturell im Gehirn verankert werden.


Viele der neuen Erkenntnisse der Hirnforschung sind mit der Flut wissenschaftlicher Publikationen auf dem Gebiet der Hirnforschung an den potentiellen Nutzern, an Ärzten, Therapeuten und Erziehern, weithin unbemerkt vorbeigerauscht. Sie fanden kein besonderes Echo in den Medien, und bis sie in den Schulbüchern stehen, werden wohl noch Jahre vergehen. Wenn so viele Menschen von dem, was in ihrem Kopf und in den Köpfen ihrer Mitmenschen vorgeht, entweder nichts oder nur sehr wenig verstehen, ist sowohl das Schreiben wie das Lesen einer Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn weder ein leichtes noch ein ungefährliches Unterfangen. Ich habe mich darum bemüht, den Text so abzufassen, dass das Komplizierteste gleich am Anfang, also bereits in diesen Vorbemerkungen steht. Wenn Sie bis hierher gekommen sind, ist der Rest ein Kinderspiel.


Aber Vorsicht. Aus diesem Spiel kann sehr schnell Ernst werden. Möglicherweise bleibt dann nichts mehr so, wie es einmal war. Auch nicht Ihr Gehirn.

*  *  *  *  *

(S. 26f)

Alles, was kompliziert aufgebaut ist, reagiert auch sehr empfindlich auf Störungen. 


Das Gehirn ist das komplizierteste Organ, das wir besitzen. Wenn es gelingt, daraus ein menschliches Gehirn zu entwickeln und es als solches trotz der enormen Störanfälligkeit dieses Prozesses zu bewahren, so grenzt das fast an ein Wunder. Viel wahrscheinlicher ist es, dass das Gehirn des Menschen durch ungünstige Entwicklungs- und Nutzungsbedingungen an der vollen Entfaltung seiner Möglichkeiten gehindert wird. ... 


Der häufigste Grund dafür sind gravierende Bedienungsfehler. Zu solchen Bedienungsfehlern kommt es meist schon sehr früh, also bereits zu einem Zeitpunkt, wenn in erster Linie die Eltern und andere frühe Bezugspersonen darüber bestimmen, wie und wofür man sein Gehirn benutzt. Später erweitert sich der Kreis anderer Menschen, die die Art der Nutzung des eigenen Hirns beeinflussen. Von diesen anderen Menschen werden all jene Vorstellungen übernommen, die besonders geeignet erscheinen, um sich in der Welt, in die man hineinwächst, zurechtzufinden. 


Die Art und Weise, wie man sein Gehirn benutzt, hängt also nicht nur von den Anforderungen ab, die ein Mensch in seiner Lebenswelt zu bewältigen hat, sondern auch davon, welche Vorstellungen anderer Menschen er zur Bewältigung dieser Anforderungen angeboten bekommt und übernehmen kann. Die Welt, in die die meisten Menschen hineinwachsen, ist eine mit den Maßstäben von vorangegangenen Generationen mehr oder weniger bewusst gestaltete Welt. Das ist nicht zwangsläufig auch eine besonders menschliche Welt und deshalb auch nicht zwangsläufig eine Welt, in der optimale Bedingungen für die Entwicklung eines menschlichen Gehirns herrschen. 


Je weniger diese Voraussetzungen erfüllt sind, desto stärker ist die heranwachsende Generation gezwungen, Bedienungsfehler bei der Benutzung ihres Hirns zu machen. Dann wird das Wunder der Herausbildung eines menschlichen Gehirns immer seltener, und über kurz oder lang wird das, was am häufigsten passiert, der Störfall, zum Normalfall erklärt. Und wenn dieser Punkt erreicht ist, bleiben uns nur noch drei Möglichkeiten: (1) an der Allmacht unseres Schöpfers zu zweifeln, (2) die genetischen Anlagen so zu verändern, dass die von ihnen hervorgebrachten Gehirne besser in die gegenwärtigen Verhältnisse passen, oder (3) die gegenwärtig herrschenden Verhältnisse so zu verändern, dass sie die Ausbildung immer menschlicherer Gehirne ermöglichen. Die erste dieser Möglichkeiten haben wir schon weitgehend abgearbeitet, die zweite probieren wir zur Zeit noch aus. Die unbequeme dritte Möglichkeit versuchen wir noch immer vor uns herzuschieben.

 

© Krefelder Studio für Alexander-Technik - Letzte Aktualisierung 11.06.2017