zur Startseite

 

 

Dauersitzen



Das gestörte Muskelgleichgewicht beim Dauersitzen

aus: Die stündliche Bewegungspause
Dauer- und falsches Sitzen macht krank
von Dr. med. Bernd Reichardt
Hippokrates Verlag, Stuttgart 1983
Seite 49-50

 
 
 

Eine Vorstellung über die Muskelmasse, die unsere Wirbelsäule verstrebt, können Sie sich machen, wenn Sie zum Beispiel ein Schweinerippchen vor sich haben. In etwa entsprechen die Organe des Hausschweins der Größe nach denen des Menschen. Bekommen Sie in der Gaststätte ein zu kleines Rippchen serviert, so sind Sie enttäuscht, zu wenig Masse! Wenn ich die Rücken meiner Patienten heute anschaue, so ist meine orthopädische Enttäuschung nicht weniger groß: Zu wenig Muskulatur!

Diese Muskulatur besteht aus drei Schichten, die unterste nennt man die posturale Muskulatur (postural heißt lage- bzw. haltungsbedingt), diese Muskulatur ist für die aufrechte Haltung des Körpers zuständig, sie arbeitet mehr oder weniger automatisch. Die aufgelagerten Muskelschichten, je weiter man zur Oberfläche kommt, sind immer mehr dem Willen unterstellt, so stellen die Muskeln, die vom Körperstamm (Rumpf) auf die Extremitäten (Arme und Beine) auswirken, die oberste Schicht dar.

Die posturalen Muskeln unterscheiden sich auch in der Fleischfarbe voneinander (der Truthahn soll sieben verschiedene Fleischfarben und sieben Fleischsorten haben!). Eine andere Gruppe nennt man die phasischen Muskeln. Diese haben weniger statische Halte-, sondern mehr dynamische Bewegungsaufgaben.

Auf unsere Wirbelsäule bezogen, heißt das, dass die Rückenmuskeln vorwiegend posturale, also statisch haltende Muskeln, die Bauchmuskeln jedoch phasische und dynamisch arbeitende Muskeln sind.

Die phasischen Muskeln neigen eher zum Muskelschwund, die statisch arbeitenden, die posturalen Muskeln, eher zur Verkürzung.

Das Gleichgewicht zwischen der Leistungsfähigkeit der phasischen und der posturalen Muskeln muss gewährleistet sein, um den Menschen im Lot zu halten und um möglichst wenig Energie zu verbrauchen.

Beim Sitzen ist dieses Gleichgewicht erheblich verändert. Die Rückenmuskeln sind wesentlich mehr belastet als die Bauchmuskeln, diese werden bei der falschen Sitzposition zu wenig gebraucht. Die Folge ist, dass sich die Rückenmuskeln immer mehr verkürzen, also verspannen, dass die Bauchmuskeln immer schlaffer werden und zunehmend verkümmern. Ähnliches passiert mit den Muskeln, die an der Aufrichtung des Beckens beteiligt sind. Die sogenannten ischiocruralen Muskeln, das sind die Muskeln, die vom Sitzbeinknorren bis zum Unterschenkel reichen, zählen zu den posturalen Muskeln, neigen also zu Verkürzung und kippen das Becken durch ihre Verkürzung noch weiter nach hinten, ihr Antagonist (Gegenmuskel), der Oberschenkelmuskel, der von der Vorder-Oberkante des Beckens bis zum oberen Ende des Schienbeins verläuft, ist phasisch, neigt also zum Schwund.

Um ein muskuläres Gleichgewicht und damit die Balance des Beckens zu erhalten, muss die phasisch tätige Bauchmuskulatur gezielt gekräftigt und die verkürzte verspannte Rückenmuskulatur gedehnt werden.

Die beschriebene ischiocrurale Muskelgruppe muss gedehnt werden, weil dies posturale Muskeln sind, der Oberschenkelstreckmuskel dagegen muss gezielt gekräftigt werden.

 

© Krefelder Studio für Alexander-Technik - Letzte Aktualisierung 11.06.2017